64 km zu Fuß - eine Wahl der Qual und doch genial

Erlebnisreicher gemeinsamer Lauf "Vom tiefsten zum höchsten Punkt des Landkreises"

Von Patrick Ratzka

Niederkrossen/Piesau.
Geschafft! Beim zweiten Anlauf konnte ich die Strecke über 64 Kilometer vom tiefsten Punkt des Landkreises an der Saale bei Niederkrossen bis zum höchsten Punkt am Rennsteig bei Piesau komplett bewältigen. Dabei handelte es sich wahrlich um eine Punktlandung, denn diese Veranstaltung erlebte am vergangenen Samstag ihre zweite, zugleich aber letzte Auflage. Wie im Vorjahr übernahm die Laufgruppe des SV Cursdorf-Meuselbach die Organisation und Verpflegung und bot so die Voraussetzung für die Absolvierung der kompletten Distanz. Während allerdings 2006 die nötige Fitness fehlte und ich bei Kilometer 48 aussteigen musste, nutzte ich die damalige (ernüchternde) Erfahrung. Dass jedoch aufgrund der enormen Belastung auch diesmal Ermüdungserscheinungen nicht ausbleiben würden, war klar. Die Frage war nur: wann und wo sie auftreten und wie sie den Lauf beeinflussen würden.
Als ich morgens ab Reichmannsdorf in einem der Begleitfahrzeuge zum Start fuhr, waren jedoch Probleme noch nicht abzusehen. Ein letzter Blick auf die Bushaltestelle, die ich erst acht Stunden später wiedersehen sollte. Zuvor mussten aber 50 Kilometer gelaufen werden, die ihren Anfang am Sportplatz in Niederkrossen nahmen. Pünktlich um zehn Uhr wurden die Läufer auf den Weg geschickt, mit mir vier, die die ganze Distanz absolvieren wollten. Die ersten Kilometer forderten unsere Koordinationsfähigkeit, da sie uns an den Hängen des Saaleufers entlang über schmale Pfade führten. Der Abschnitt zwischen Nieder- und Oberkrossen machte seinem Namen alle Ehre, konnten doch Stege und entwurzelte Bäume als Training für anstehende Crossläufe angesehen werden. Jeder Ort wurde zusätzlich zur Lautsprecherdurchsage mit den markanten Klängen aus Richard Strauss' "Also sprach Zarathustra" auf uns eingestimmt, die uns Läufern mit der Zeit zwar vergällt waren. Aber gegen Ende war es ein ersehntes Geräusch, zeigte es doch an, dass wir einen weiteren Ort zum Ziel durchquerten.
Nach jener Bewährungsprobe verlief die Strecke bis zum zweiten Wechselpunkt am Stadion Rudolstadt weitestgehend flach, wenngleich mittlerweile 18 Kilometer gelaufen wurden. Wechselpunkt war natürlich noch ein Fremdwort und eine Alternative, die ich auch weiterhin nicht nutzen wollte. Den geplanten Stopp am Grillplatz an der Saale bei Schwarza ließen wir aus, liefen bis Remschütz weiter und dort unter Begleitung von Drehorgelmusik ein. Ein Blick auf das Saalepaddeln zur Kirmes musste wegen unseres Zeitplanes allerdings ausbleiben.
In Saalfeld angekommen, ging es sogleich in die heiße Phase des Laufes. Nicht nur die Sonne kannte kein Erbarmen, sondern auch die Steigung Richtung Hotel Mellestollen. Hier verspürte ich erste leichte Schmerzen im Schienbein. Am Wechselpunkt war jedoch der Zenit dieses Anstieges noch nicht überschritten, denn dieser zog sich noch bis Wittmannsgereuth. Auf der Straße nach Witzendorf fand ich nur bedingt Erholung, dachte ich doch an letztjährige Erlebnisse, die für das Ausscheiden ursächlich waren. Von Witzendorf ging es nämlich bergab zur Elsterschenke, wobei man auf der gegenüberliegenden Seite schon den langen Anstieg einsehen konnte, den es wieder hoch zu rennen galt. Diesmal bezwang mich dieser allerdings nicht. Deprimierend war die Tatsache, dass Volkmannsdorf als nächster Ort keine Pausenzone war und auch kein Ende des Anstieges bedeutete. Beides wartete erst in Bernsdorf nach mittlerweile zirka einer Marathonlänge. Trotz des nun angenehmen Streckenverlaufes durch den Wald nach Reichmannsdorf stellten sich bei mir Magenkrämpfe ein, die dann besonders im Anblick des neuerlichen Anstieges Richtung Schmiedefeld anwuchsen. Doch mit Ankunft am Leipziger Turm nach etwa 52 Kilometern wartete eine Stärkung aus der Ölitätenküche: Kräutertee. Zusammen mit dem folgenden Gefälle gab dies einen neuen Motivationsschub. Nachdem zwei Läufer um die Gesamtdistanz ausgeschieden waren, äußerte ich den Vorschlag, einfach den Turm zu besteigen, um die wenigen fehlenden Höhenmeter zu erhalten. Vergebens. Stattdessen ging es von über 800 Metern wieder hinab, wobei sich die unter der Belastung angeschwollenen Knie bemerkbar machten. Aber auch die Gedanken waren nicht optimistischer, da man die verlorenen Höhenmeter wieder gut machen musste.
Doch seit dem Leipziger Turm gab es Unterstützung von Frank Thomas, dem geistigen Vater des Laufes, der nun das Führungsauto gegen die Laufschuhe eintauschte und aktiv das Feld anführte. In Piesau angekommen, drehten wir schon eine Ehrenrunde durch den Ort, aber es sollten noch vier schwere Kilometer zum Gasthaus Brand folgen, wo wir verbliebenen "Langläufer" erste Interviews geben mussten. Und obwohl es schon nach 18 Uhr war und der Lauf eigentlich schon lange beendet hätte sein sollen, waren immer noch 1,7 Kilometer zu bewältigen. Unterstützt durch Kinder, überquerten alle Beteiligten gemeinsam die Ziellinie.
Nachdem ich mich nun doch nach annähernd acht Stunden hinsetzte, machten sich die schweren Gliedmaßen bemerkbar. Die nachhaltigste Einschränkung des Tages war allerdings ein Sonnenbrand im Gesicht, der jedoch im Ausgleich für das hervorragende Laufwetter gern hinzunehmen war. Nachdem die Sonne alle Winkel an der Strecke mit Licht erfüllte, bot sich jedoch auf der Saalfelder Höhe ein bemerkenswerter Anblick. Der Dank gilt aber besonders Frank Thomas und der Laufgruppe des SV Cursdorf-Meuselbach, den Sponsoren sowie Begleitern, welche die Verpflegung und den Transport übernahmen. Alle trugen dazu bei, dass der gemeinsame Lauf für einen guten Zweck als erlebnisreiche Tour und nicht als Tortur in Erinnerung bleibt. Trauer über den Verlust des Laufes muss aber nicht aufkommen, soll er doch 2008 in Form des 1. Saale-Rennsteig-Marathons zurückkehren. Frank Thomas ehrte mich deshalb mit der Startnummer 1 für dieses Großereignis. Gekürzt auf Marathondistanz und mit abgeänderter Streckenführung, aber nicht minder anspruchsvoll, kann dieser dann unter Wettkampfcharakter und hoffentlich höherer Beteiligung fortleben.